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Das ganz alltägliche Risiko oder: Die Lorchel lass stehn, die Morchel kannst nehm‘

Wir leben in gefährlichen Zeiten: Die Corona-Krise hat uns fest im Griff, Social Distancing wird zum Lebensinhalt einer ganzen Generation und das harmlose Getratsche mit den Nachbarn wird zu einem Drahtseilakt aus Risikoabwägung und dem Drang nach Normalität. Bevor wir jetzt aber nur noch an das Virus denken, sollten wir die ganz alltäglichen Gefahren nicht völlig aus dem Blick verlieren. Denn das ängstliche Starren auf Covid 19 kann dazu führen, dass wir den Abgrund vor uns übersehen. So wäre es mir fast vor ein paar Tagen ergangen, als ich im Garten einen – wie ich dachte – leckeren Speisepilz entdeckte. Bei unbekannten Pflanzen mache ich gerne die Guck-Riech-Schmeck-Probe: Tritt ein milchiger Saft aus? Riecht die Pflanze unangenehm? Schmeckt die Pflanze bitter oder scharf? Dann schrillen bei mir die Alarmglocken und das Teil kommt in den Giftschrank. Der unbekannte Pilz jedoch erinnerte an eine leckere Speisemorchel, vor allem roch das Pilzgewebe durchaus angenehm mild und nussig. Schon wollte ich mir ein Stückchen des samtbraunen Fleisches für die finale Schmeckprobe in den Mund schieben, als ich – Schutzengel sei Dank! – zögerte und nur mal "so zur Sicherheit“ meine Schnelldiagnose im Bestimmungsbuch bestätigen lassen wollte. Das war eine gute Entscheidung, denn bei dem Pilz mit dem auffälligen hirnartigen Hutlappen handelte es sich um die Frühjahrslorchel (Gyromitra esculenta), die im rohen Zustand absolut tödlich giftig wirkt. Fokussieren Sie also auch in Zeiten der globalen Epidemie ihre Aufmerksamkeit nicht ausschließlich auf das medial omnipräsente Virus, sondern denken Sie daran, dass die meisten Menschen immer noch durch zu spät erkannte Autos oder Pilze ums Leben kommen.

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