Weißt du noch, wie weiß, wie bleich
in den Maiendämmerungen,
wenn ich lag, von dir umschlungen,
dir zu Füßen hingerissen,
um uns schwankten die Narzissen?
Weißt du noch, wie heiß, wie weich
in den blauen Juninächten,
wenn wir, müde von den Küssen,
um uns flochten deine Flechten,
Düfte hauchten die Narzissen?
Wieder leuchten dir zu Füßen,
wenn die Dämmerungen sinken,
wenn die blauen Nächte blinken,
wieder duften die Narzissen.
Weißt du noch, wie heiß? wie bleich?
Richard Fedor Leopold Dehmel (1863-1920)
Wasserfall.
Wer wird denn so versteckt und langsam fließen?
Benütze deine Kraft, dein Bett durchbrich!
Und rausche, schimmre so wie ich!
Bächlein.
Immer rausche du, ich wäss're Wiesen.
Ignaz Friedrich Castelli (1781 – 1862)
Ein Würstchen parkt am Tellerrand
Eine Olive rollt aus
Die Sektflasche rüttelt am Korken
Man lacht, man wartet
Auf die magische Sekunde
Die Zeit zögert
Sie zählt bis zehn, die Zeit
Und befielt den Uhren zu rennen.
Millionen Läufer
Und keiner gewinnt
Zeitgleicht
Drängen alle Uhren der Welt
Ins neue Jahr.
© by Jonas Torsten Krüger
Der brennende Kalender: September
Hinfällig, wie die Erinnerungen,
Stehen Herbstzeitlosen im nassen Gras
Und sprechen von Lieb' mit zerbrechlichen Zungen.
Noch ein Schmetterling über die Schulter mir flog,
War ein Gedanke, der bei dir Honig sog.
Den Bäumen fallen die Blätter aus,
Und wimmernde Stimmen wollen ins Haus,
Wo herbstlos dein Herz in Liebe thront,
Wie des Hauses Herd von Flammen bewohnt.
Max Dauthendey
Der Wald ist wunderbar,
das war mir schon am Anfang klar.
Der Wald ist spannend, man kann viel erleben,
für alle Tiere ist er ein Segen.
Er bietet Schutz, Möglichkeiten sich zu verstecken
vor den Feinden, die lauern hinter allen Ecken.
Auch viele Pflanzen wachsen hier.
Ich pflück‘ eine Blume und denke bei mir:
Der Wald ist der allerbeste Ort -
ihn zu zerstören wäre Mord!
Fabiola Meseth (2012)
| In Flanders fields the poppies blow |
| Between the crosses, row on row, |
| That mark our place; and in the sky |
| The larks, still bravely singing, fly |
| Scarce heard amid the guns below. |
| |
| We are the dead. Short days ago |
| We lived, felt dawn, saw sunset glow, |
| Loved, and were loved, and now we lie |
| In Flanders fields. |
| |
| Take up our quarrel with the foe: |
| To you from failing hands we throw |
| The torch; be yours to hold it high. |
| If ye break faith with us who die |
| We shall not sleep, though poppies grow |
| In Flanders fields. |
| |
| John Alexander McCrae (1915) |
| 's war doch wie ein leises Singen |
| In dem Garten heute nacht, |
| Wie wenn laue Lüfte gingen: |
| "Süße Glöcklein, nun erwacht, |
| Denn die warme Zeit wir bringen, |
| Eh's noch jemand hat gedacht." - |
| 's war kein Singen, 's war ein Küssen, |
| Rührt' die stillen Glöcklein sacht, |
| Daß sie alle tönen müssen |
| Von der künft'gen bunten Pracht. |
| Ach, sie konnten's nicht erwarten, |
| Aber weiß vom letzten Schnee |
| War noch immer Feld und Garten, |
| Und sie sanken um vor Weh. |
| So schon manche Dichter streckten |
| Sangesmüde sich hinab, |
| Und der Frühling, den sie weckten, |
| Rauschet über ihrem Grab. |
| |
| Joseph von Eichendorff |
Akelei
Schön erhebt sich der Aglei
und senkt das Köpfchen herunter.
Ist es Gefühl oder ist's Mutwill?
Ihr ratet es nicht
Johann Wolfgang von Goethe
Die Birke Es wächst wohl auf der Heide Und in des Waldes Raum Ein Baum zu Nutz und Freude, Genannt der Birkenbaum. Die Schuh, daraus geschnitzet, Sind freundlich von Gestalt. Wohl dem, der sie besitzet, Ihm wird der Fuß nicht kalt. Es ist die weiße Rinde Zu Tabaksdosen gut, Als teures Angebinde Für den, der schnupfen tut. Man zapfet aus der Birke Sehr angenehmen Wein, Man reibt sich, daß es wirke, Die Glatze damit ein. Dem Birkenreiserbesen Gebühret Preis und Ehr; Das stärkste Kehrichtwesen, Das treibt er vor sich her. Von Birken eine Rute, Gebraucht am rechten Ort, Befördert oft das Gute Mehr als das beste Wort. Und kommt das Fest der Pfingsten, Dann schmückt mir fein das Haus, Ihr, meine liebsten Jüngsten, Mit Birkenzweigen aus. Wilhelm Busch (1904) |
Die blaue Blume Ich suche die blaue Blume, Ich suche und finde sie nie, Mir träumt, dass in der Blume Mein gutes Glück mir blüh. Ich wandre mit meiner Harfe Durch Länder, Städt und Au'n, Ob nirgends in der Runde Die blaue Blume zu schaun. Ich wandre schon seit lange, Hab lang gehofft, vertraut, Doch ach, noch nirgends hab ich Die blaue Blum geschaut. Joseph von Eichendorff (1818) |
Grausame Frühlingssonne,
Du weckst mich vor der Zeit,
Dem nur in Maienwonne
Die zarte Kost gedeiht!
Ist nicht ein liebes Mädchen hier,
Das auf der Rosenlippe mir
Ein Tröpfchen Honig beut,
So muss ich jämmerlich vergehn
Und wird der Mai mich nimmer sehn
In meinem gelben Kleid.
Eduard Mörike, 1846