Tief umwaldet (von haptischen Gegen-heiten)

geschrieben am von Uwe Krüger in poeticpics

Tief umwaldet

Mein Möbelstück ist ein Lebewesen, mein Schreibtisch eine Pflanze. Meine Arbeitsplatte besteht aus dem Holz der roten Buche, mein Text ruht auf dem harten Gewebe ihrer Sprossachsen. Gleich doppelt. Die vier winzigen Noppenfüße meines Laptops stehen auf dem Kambium von Fagus sylvatica.

Die Oberfläche besteht aus hunderten von Holzleisten, Rechtecke, jedes für sich lehnt es am Nachbarklotz und fügt sich. Ein. Aus. Ein aus Musterung, Farbe, Relief (neudeutsch: Haptik) und Struktur gewandetes Sägewerkerzeugnis. Abgehackt. Gehäckselt. Gehackt. Geknackt. Die Festplatte. Meine Feste. Die feste Platte auf der ich mein Werkzeug ausbreite. Alleine ist das rechte Eck zu nichts Nutze, zu viert geben sie der Geometrie einen Halt.

Jedes ist verschieden und doch gehören sie alle zusammen. Herr und Frau Buche geben sich die Ehre. Tausend Blätterbälger hängen an ihrer Krone, jedes ein eigener Fagus. Jedes für sich einzigartig. Nicht anders als diese adamsdämliche, evalistische Kreatur, dieser Zweibeiner mit Fragezeichenwirbelsäule, bleich gehäutet, kahl gefellt, dick geköpft, meist zugeknöpft, manchmal dünn besaitet, seltener sanft beseelt. Aber auch das ist möglich: Aus einem Stück Holz wächst unter seinem Willen ein Stuhl, ein Trinkbecher, eine Stradivari.

Mein Fagus ist meine Sylvia. Mehr noch als ihr Name ist mir ihre Erscheinung. Wenn ich die beiden Äpfel fest unter das dünne Hautfältchen presse, spüre ich sie. Den Hauch aus Moder und Pilz. Es schmeckt auf meiner Zunge wie Zellulose. Es macht mich unsatt. Es liegt an mir. Das ist mein Haptrick. Bindestriche mögen androide Wesen nicht. Sie stecken ihnen quer im Hals und behindern ihren Ausfluss. Das glauben sie und machen aus ihrem Bekenntnis eine Erkenntnis für alle.

Ich wurme mich. Tief in meinen Tisch. Und atme mich fest in den Adern seines Waldes.

Angezählt

geschrieben am von Uwe Krüger in poeticpics

Angezählt

Das Jahr zählt

immer anders

wählt man Sekunden,

Tage, Wochen, Runden

und für die Ewigkeit ist’s eh nur Peanuts,

ein Häutchen Mesokarp,

nicht mehr.

 

Und dennoch füllt ein Menschenjahr

in meiner Brust ein Unikum

so schwer und voll wie Tausend Tage

geboxtes Mesozoikum.

 

Durch Kreide kämpfen müde Donnerwesen

in Bits und Bytes verwolkt sich unser Denken.

Wir kotzen lieber um die Wette,

damit das Konsumieren schneller geht.

 

Das Holozän ist tief gealtert,

ein Greis, den niemand pflegen mag,

die dürre Hand fällt zitternd ausgestreckt

ins All geleert und ausgedrückt.

 

Es kümmert

nicht

das Anthropozän

scharrt

mit den Klauen

auf seiner Mutter

Erde

Haut.

 

© Uwe Krüger 2016

Schreck-Sekunde

geschrieben am von Uwe Krüger in poeticpics

Sichelschrecke im Abendlicht

Ich mag das ruhige Lied der Schrecken,

ihr sanftes Locken aus den Hecken,

grad im Moment:

Ich höre nichts.

Nicht ganz nicht nichts,

doch oh kein Zirpen.

 

Nicht mehr am Meer

und nicht bei uns

im Sommer wo sie zahlreich hocken

und mit den Beinen trillernd locken

nur mich

nicht mehr.

 

Die Erinnerung ist noch da, das schon

(ein Glück? Es lässt sich kaum ertragen).

Allein die Jahre sägen, nagen

an der, an meiner Physiologie

und meißeln Löcher in die Zellen

versickert Lebensenergie,

gefleckte Haut zerfällt in Wellen,

der Schweiß tropft stinkend aus den Poren -

ich fühl mich selten neugeboren -

und jetzt noch das: kein Zirpen, Zirren, Schwirren mehr!

 

Nur eine Saite ist gerissen

schon stockt die ganze Symphonie,

fehlt nur ein Ton in diesem Weltenklang

so wird Wehklagen aus Gesang.

Und ist’s ein Ton nur, der ein X

in meine schöne Gleichung bringt,

die Last des Fehlens wird mir schwer,

wenn nichts mehr in den Ohren schwingt.

 

So sitz ich zitternd taub auf hartem Boden

such den Kontakt zu luftgen Arthropoden

und klammre mich an dieses Wissen fest:

Noch bleibt mir ja der Augen-Blick,

im Hören tu ich mir halt schwer.

Ein Dröhnen hallt in meinen Ohren:

„Jung bist Du Mensch schon lang nicht mehr.“

 

© Uwe Krüger 2016

Traum des Farns

geschrieben am von Uwe Krüger in poeticpics

Adlerfarn (Pteridium aquilinium) im Gegenlicht

Mein Leben folgt dem Schatten im Wald

seit Pflanzengedenken, in Flöze geerdet,

von Sauriern verdaut, karbonbäumealt,

blütenlos träumend und zweifach gebärdet.

In kugligen Wiegen drängen sich

die Zwillingsheere der Sporenkrieger.

Schwer trägt der Arm, die Wedel biegen sich

unter der Last der unzähligen Kapselflieger.

 

Der Wind reißt meine Kinder hinfort,

Tausendlinge kreiseln in seinem Hauch,

sein Atem trägt weit und lässt sie erst los

am Ziel ihrer Reise, am neuen Ort.

 

Sie grüßen die Erde, den Schlamm und den Mist,

und nisten und warten und wachsen und zittern

zum hässlichen Wesen, prothallisches Wittern,

das kaum erst erzeugt schon Erzeuger ist.

 

Der Regen reißt seine Maske hinfort,

baut flüssige Brücken am trockenen Ort,

der Gamet schickt seine Samen ins Feld

und gebärt und erschafft eine grüne Welt.

 

So drängt das Rhizom, entfaltet die Blätter,

die Basis zuerst, zuletzt erst die Spitze,

die Sprosse empor ins Vorfrühlingswetter

und streckt sich hinaus in die feuchtwarme Hitze.

 

Mein Leben folgt dem Schatten im Wald

seit Pflanzengedenken, in Kohle gepresst,

von Menschen verbrannt, gewähre ich Halt

und lade euch ein zum Farnwedelfest.

 

© Uwe Krüger 2015

Triolett: Trollblume

geschrieben am von Uwe Krüger in poeticpics

Gelbgoldene Trollblumen

Hell und gelb der Kugelkopf
drollig rund und oben
in der Feuchte nicht im Topf;
Hell und gelb der Kugelkopf
ist ihr drollig runder Schopf
aufrecht rund und oben;
Hell und gelb der Kugelkopf
drollig rund und oben.


© Peter Gambon, 2011

www.klartext-arena.eu/lyrik/360-triolett-trollblume.html

Narzissen

geschrieben am von Uwe Krüger in poeticpics

Des Dichters Lieblingsblumen

Weißt du noch, wie weiß, wie bleich
in den Maiendämmerungen,
wenn ich lag, von dir umschlungen,
dir zu Füßen hingerissen,
um uns schwankten die Narzissen?


Weißt du noch, wie heiß, wie weich
in den blauen Juninächten,
wenn wir, müde von den Küssen,
um uns flochten deine Flechten,
Düfte hauchten die Narzissen?

Wieder leuchten dir zu Füßen,
wenn die Dämmerungen sinken,
wenn die blauen Nächte blinken,
wieder duften die Narzissen.
Weißt du noch, wie heiß? wie bleich?

Richard Fedor Leopold Dehmel (1863-1920)

Der Wasserfall und das Bächlein

geschrieben am von Uwe Krüger in poeticpics

Margaretenschlucht im Winter

Wasserfall.

Wer wird denn so versteckt und langsam fließen?
Benütze deine Kraft, dein Bett durchbrich!
Und rausche, schimmre so wie ich!

Bächlein.
Immer rausche du, ich wäss're Wiesen.


Ignaz Friedrich Castelli (1781 – 1862)

Silvester

geschrieben am von Uwe Krüger in poeticpics

Silvester

Ein Würstchen parkt am Tellerrand

Eine Olive rollt aus

Die Sektflasche rüttelt am Korken

Man lacht, man wartet

Auf die magische Sekunde

 

Die Zeit zögert

Sie zählt bis zehn, die Zeit

Und befielt den Uhren zu rennen.

 

Millionen Läufer

Und keiner gewinnt

Zeitgleicht

Drängen alle Uhren der Welt

Ins neue Jahr.

 

© by Jonas Torsten Krüger

 

 

Der brennende Kalender

geschrieben am von Uwe Krüger in poeticpics

Der brennende Kalender: September

Der brennende Kalender: September

Hinfällig, wie die Erinnerungen,
Stehen Herbstzeitlosen im nassen Gras
Und sprechen von Lieb' mit zerbrechlichen Zungen.
Noch ein Schmetterling über die Schulter mir flog,
War ein Gedanke, der bei dir Honig sog.
Den Bäumen fallen die Blätter aus,
Und wimmernde Stimmen wollen ins Haus,
Wo herbstlos dein Herz in Liebe thront,
Wie des Hauses Herd von Flammen bewohnt.

Max Dauthendey

Der Wald

geschrieben am von Uwe Krüger in poeticpics

Der Wald

Der Wald ist wunderbar,

das war mir schon am Anfang klar.

Der Wald ist spannend, man kann viel erleben,

für alle Tiere ist er ein Segen.

Er bietet Schutz, Möglichkeiten sich zu verstecken

vor den Feinden, die lauern hinter allen Ecken.

Auch viele Pflanzen wachsen hier.

Ich pflück‘ eine Blume und denke bei mir:

Der Wald ist der allerbeste Ort -

ihn zu zerstören wäre Mord!


Fabiola Meseth (2012)

Auf Flanderns Feldern

geschrieben am von Uwe Krüger in poeticpics

Auf Flanderns Feldern

Auf Flanderns Feldern blüht der Mohn
Zwischen den Kreuzen, Reihe um Reihe,
Die unseren Platz markieren; und am Himmel
Fliegen die Lerchen noch immer tapfer singend
Unten zwischen den Kanonen kaum gehört.

Wir sind die Toten. Vor wenigen Tagen noch
Lebten wir, fühlten den Morgen und sahen den leuchtenden Sonnenuntergang,
Liebten und wurden geliebt, und nun liegen wir
Auf Flanderns Feldern.

Nehmt auf unseren Streit mit dem Feind:
aus sinkender Hand werfen wir Euch
Die Fackel zu, die Eure sei, sie hoch zu halten.
Brecht Ihr den Bund mit uns, die wir sterben
So werden wir nicht schlafen, obgleich Mohn wächst
Auf Flanderns Feldern.

John Alexander McCrae (1915)

Schneeglöckchen

geschrieben am von Uwe Krüger in poeticpics

Schneeglöckchen
's war doch wie ein leises Singen 
In dem Garten heute nacht, 
Wie wenn laue Lüfte gingen: 
"Süße Glöcklein, nun erwacht, 
Denn die warme Zeit wir bringen, 
Eh's noch jemand hat gedacht." - 
's war kein Singen, 's war ein Küssen, 
Rührt' die stillen Glöcklein sacht, 
Daß sie alle tönen müssen 
Von der künft'gen bunten Pracht. 
Ach, sie konnten's nicht erwarten, 
Aber weiß vom letzten Schnee 
War noch immer Feld und Garten, 
Und sie sanken um vor Weh. 
So schon manche Dichter streckten 
Sangesmüde sich hinab, 
Und der Frühling, den sie weckten, 
Rauschet über ihrem Grab.
 
Joseph von Eichendorff

Akelei

geschrieben am von Uwe Krüger in poeticpics

Akelei

Akelei


Schön erhebt sich der Aglei

und senkt das Köpfchen herunter.

Ist es Gefühl oder ist's Mutwill?

Ihr ratet es nicht


Johann Wolfgang von Goethe

Die Birke

geschrieben am von Uwe Krüger in poeticpics

Die Birke
Die Birke

Es wächst wohl auf der Heide
Und in des Waldes Raum
Ein Baum zu Nutz und Freude,
Genannt der Birkenbaum.

Die Schuh, daraus geschnitzet,
Sind freundlich von Gestalt.
Wohl dem, der sie besitzet,
Ihm wird der Fuß nicht kalt.

Es ist die weiße Rinde
Zu Tabaksdosen gut,
Als teures Angebinde
Für den, der schnupfen tut.

Man zapfet aus der Birke
Sehr angenehmen Wein,
Man reibt sich, daß es wirke,
Die Glatze damit ein.

Dem Birkenreiserbesen
Gebühret Preis und Ehr;
Das stärkste Kehrichtwesen,
Das treibt er vor sich her.

Von Birken eine Rute,
Gebraucht am rechten Ort,
Befördert oft das Gute
Mehr als das beste Wort.

Und kommt das Fest der Pfingsten,
Dann schmückt mir fein das Haus,
Ihr, meine liebsten Jüngsten,
Mit Birkenzweigen aus.

Wilhelm Busch (1904)

Die blaue Blume

geschrieben am von Uwe Krüger in poeticpics

Die blaue Blume
Die blaue Blume

Ich suche die blaue Blume,
Ich suche und finde sie nie,
Mir träumt, dass in der Blume
Mein gutes Glück mir blüh.

Ich wandre mit meiner Harfe
Durch Länder, Städt und Au'n,
Ob nirgends in der Runde
Die blaue Blume zu schaun.

Ich wandre schon seit lange,
Hab lang gehofft, vertraut,
Doch ach, noch nirgends hab ich
Die blaue Blum geschaut.

Joseph von Eichendorff (1818)

Zitronenfalter im April

geschrieben am von Uwe Krüger in poeticpics

Zitronenfalter im April

Zitronenfalter im April

Grausame Frühlingssonne, 
Du weckst mich vor der Zeit, 
Dem nur in Maienwonne 
Die zarte Kost gedeiht!
Ist nicht ein liebes Mädchen hier, 
Das auf der Rosenlippe mir 
Ein Tröpfchen Honig beut, 
So muss ich jämmerlich vergehn 
Und wird der Mai mich nimmer sehn 
In meinem gelben Kleid.

Eduard Mörike, 1846