Spritzig oder verwischt?

geschrieben am von Uwe Krüger in infofotos

Magie der Langzeitbelichtung

Ein magischer Ort im badischen Odenwald ist die Stelle, wo der kleine Weisbach in den gar nicht so viel größeren Seebach mündet. In lauen Frühlingsnächten vergnügen sich hier algenhäutige Nixen, schaumschlagende Klabautermänner und mooszarte Wasserelfen. Leider ist es mir trotz intensiver Bemühungen noch nicht gelungen, eines dieser hydrophilen Wesen fotografisch festzuhalten, so dass ich mich meistens mit der Magie der reinen Landschaft zufrieden geben muss. ;-)

Besitzen Sie ein Stativ? Einer der besten Gründe für seine Verwendung ist nicht die Eliminierung der Verwacklungsgefahr, sondern die Möglichkeit, bewegtes Wasser mit den Augen eines Faultieres zu sehen. Strömungen, Wellen, Kaskaden und kleine Wasserfälle verwandeln sich bei Belichtungszeiten ab einer Sekunde in eine weiße Gischt, die in seiner strahlenden Reinheit kaum ein Äquivalent in der Natur besitzt. Das klappt aber nur bei Dämmerung oder bei Nutzung eines Pol- oder Graufilters. Sonst werden Sie trotz geschlossener Blende keine wirklich langen Belichtungszeiten mit der Kamera realisieren können.

Die beiden nacheinander aufgenommenen Fotos verdeutlichen den Effekt: Das linke Bild wurde mit Blende 5.0 bei 1/5 Sekunden belichtet und gibt die fließende Welle insgesamt noch erkennbar wieder. Das rechte Bild entstand bei Blende 22.0 und mit sechs Sekunden Belichtungszeit. Welche Version gefällt Ihnen besser?

Machen Sie sich doch selbst ein Bild und probieren Sie aus, ob Sie eher ein fotografischer Spritzer oder ein Schleicher sind. Sie finden diesen magischen Platz, wenn Sie am nordöstlichen Ortsrand von Neckargerach in Richtung Waldsee gehen (oder fahren). Von dort sind es nur noch wenige 100 Meter bis zur Mündung des Weisbaches. Vielleicht entdecken Sie ja nicht nur die faszinierenden Möglichkeiten der Langzeitfotografie, sondern sogar eine zarte Wassernymphe beim Baden in den kalten Fluten.

Nachtrag: Am 28. Mai 2016 wurde die Region von einem extremen Starkregen mit Hagel heimgesucht, der kleine Waldbbäche innerhalb von wenigen Minuten in reißende Fluten verwandelte und Steinbrocken bis zu 2 Meter Größe mit sich riß. Die Mündung des Weisbaches, so wie oben abgebildet,  existiert nicht mehr.  Einen Eindruck von dem Unwetter gibt das folgende Video: https://www.youtube.com/watch?v=9JjrqWNC-jw&index=1&list=PL8B0B1F4E4DFABD50