Kompass im Wald

geschrieben am von Uwe Krüger in infofotos

Kompass im Wald

In unseren Wäldern gibt es kaum eine schönere und giftigere Blütenpflanze als den Roten Fingerhut, die oft massenhaft auf Kahlschlägen, Lichtungen und Waldrändern wächst. Die Giftigkeit lässt sich auf verschiedene Digitaloide zurückführen, die in der Medizin auch zur Stärkung der Herzaktivität eingesetzt wurden und werden. Zum Glück sind Vergiftungen beim Menschen selten, da alle Pflanzenteile bitter schmecken. Wer gerne auf hohem Ross durch den Wald reitet, sollte darauf achten, dass sein Pferd nicht an den Giftglocken knabbert. Die Robustheit des Pferdemagens kann nämlich keineswegs mit der Toxizität der Pflanze mithalten. Für Hummeln und viele andere Insekten stellen Fingerhutblüten allerdings eine wichtige Nahrungsquelle im Wald dar. Die auffälligen weiß-umrandeten Saftmale interpretiert man als optische Wegweiser, die das Insekt zu den Pollen im Innern der Blüte lenken sollen.

Viele Legenden ranken wie wilder Efeu rund um den Fingerhut. Besonders nett ist die Vorstellung, dass die Blüten gerne als Elfenhüte oder Zwergenmützen verwendet werden. Der englische Name foxglove beruht auf der Vorstellung, dass sich Füchse die Blüten über die Füße stülpen, um auf „lautlosen Pfoten“ in den Hühnerstall zu schleichen. Kein Märchen ist dagegen die Tatsache, dass die Pflanze auch als Kompass genutzt werden kann. Wer sich bei bedecktem Wetter im Wald verirrt, der sollte sich nach Digitalis umsehen: Die Blüten richten sich stets mit der Öffnung nach Süden aus. Sicherheitshalber sollte man sich dabei jedoch nicht auf eine Einzelpflanze verlassen, sondern in diesem Fall ausnahmsweise der Meinung der Mehrheit folgen.